Die Aussage von Sahra Wagenknecht, Die Linke sei die einzige Partei im Deutschen Bundestag, die noch nie Geld von Konzernen oder Lobbyisten angenommen habe, ist nicht überprüfbar. Die Vorschriften zur Rechenschaftslegung der Parteienfinanzierung lassen zu, dass Spenden bis 10.000 Euro nicht namentlich veröffentlicht werden. Auch Einnahmen aus dem Sponsoring bleiben anonym. Richtig ist, dass keine Zahlungen an die Linke dokumentiert sind, die Wagenknechts Aussage widerlegen.
Wir Linken sind die einzige Partei im Deutschen Bundestag, die noch nie auch nur einen müden Euro von Konzernen oder…
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Am 20. Juli veröffentlichte Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Linken, auf einen Spendenaufruf. Dieser enthält die Behauptung, die Linke sei die einzige Partei im Deutschen Bundestag, die weder von Konzernen noch von Lobbyisten je Geld angenommen habe.
Da die Parteien im Bundestag per Gesetz (PartG) dazu verpflichtet sind, jährlich ihre gesamten Einnahmen und Ausgaben zu dokumentieren, fällt eine erste Überprüfung von Wagenknechts Aussage leicht. Dazu reicht ein Blick in die regelmäßig online veröffentlichten Rechenschaftsberichte zur Parteienfinanzierung. Zu den dort aufgelisteten Einnahmequellen gehören Mitgliederbeiträge, Mandatsträgerabgaben, staatliche Zuwendungen, Einnahmen aus unternehmerischen Tätigkeiten – und die Parteispenden. Auf letztere bezieht sich Wagenknecht wohl in ihrer Aussage. Auf Anfrage war die Fraktionsvorsitzende der Linken nicht dazu bereit, ihre Darstellung zu präzisieren. Im Folgenden werden jedoch nicht nur die Spenden an die Linke unter die Lupe genommen, sondern auch die Sponsoring-Einnahmen der Partei.
Spenden
Dank der Offenlegungspflicht ist zumindest eines schnell ersichtlich: Alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien haben Spenden von Unternehmen oder Verbänden erhalten. Im aktuellen Rechenschaftsbericht sind diese Zuwendungen vermerkt. Demnach spendete im Jahr 2015 allein Südwestmetall, der Verband der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg, der CDU 150.000 Euro, den Grünen 110.000 Euro, der FDP 100.000 Euro und der SPD 60.000 Euro. Die CSU erhielt im gleichen Zeitraum 358.000 Euro von dem bayerischen Zusammenschluss der Metall- und Elektroindustrie. Die Linke ist die einzige Partei, die nicht zu den Geldempfängern zählt. Auch von anderen Verbänden oder Unternehmen erhielt sie keine Spenden, die öffentlich gemacht werden müssten. Diesen Befund bestätigen die Rechenschaftsberichte aus allen Jahren, in denen die Linke bzw. ihre Vorgängerpartei PDS im Bundestag vertreten war.
Bedeutet dies nun, dass Sahra Wagenknechts Aussage wahr ist? Nicht unbedingt: Spenden müssen in Deutschland erst ab 10.000 Euro pro Jahr mit Namen des Spenders bzw. der Spenderin offengelegt werden. Geringere Zuwendungen von juristischen Personen, also von Unternehmen, Vereinen und Verbänden, tauchen in den Berichten nur summiert auf. Mit anderen Worten: Die Herkunft von Parteispenden von weniger als 10.000 Euro ist nicht öffentlich nachvollziehbar. Sollten derartige Zahlungen ihren Weg auf die Konten der sozialistischen Partei gefunden haben, dann nur unterhalb dieser Schwelle. Selbst mit Einsicht in die Bücher der Partei blieben Spenden bis 500 Euro ein blinder Fleck, da diese völlig anonym getätigt werden dürfen. Streng genommen ist die Behauptung der Vorsitzenden der Linksfraktion also nicht überprüfbar. Dass keine entsprechenden Zahlungen öffentlich dokumentiert sind, ist kein Beleg dafür, dass es sie nicht gegeben hat.
Es ist höchstens möglich, der Linken zu attestieren, dass ihr wesentlich weniger Geld von juristischen Personen zufließt als allen anderen Parteien im Bundestag. Von 2009 bis 2015 betrug dieser Posten bei der Linken insgesamt 384.492 Euro (durchschnittlich 54.927 Euro pro Jahr). Im selben Zeitraum gingen 18.651.416 Euro als Spenden juristischer Personen auf den Konten der SPD ein (durchschnittlich 2.664.488 Euro pro Jahr).
Sponsoring
Neben den traditionellen Spenden hat sich Sponsoring als weiterer Kanal der Parteienfinanzierung etabliert. Das stellte ein Bericht des Bundestagspräsidenten schon 2011 fest. Die zum Europarat gehörige Staatengruppe gegen Korruption (GRECO) bezeichnete die deutsche Sponsoring-Praxis sogar als „Problemfeld“. Beim Sponsoring zahlt ein Unternehmen für Aufmerksamkeit, beispielsweise in Form von Werbefläche oder öffentlichkeitswirksamer Nähe zu SpitzenpolitikerInnen bei Veranstaltungen. Darüber hinaus dient es der informalen Kontaktpflege zwischen Beteiligten aus Wirtschaft und Politik. Der Vorteil für Unternehmen ist, dass das Sponsoring seiner Natur nach zwar meist publik ist, die genauen Vereinbarungen jedoch geheim bleiben. Die Rechenschaftsberichte der Parteien vereinen solche und weitere Erlöse unter dem Posten „Einnahmen aus Veranstaltungen, Vertrieb von Druckschriften und Veröffentlichungen und sonstiger mit Einnahmen verbundener Tätigkeit.“
Zwar fordert die Linke in ihrem aktuellen Wahlprogramm striktere Regeln für die Offenlegung der Parteifinanzen. Anders aber als die Grünen macht sie ihre Einnahmen aus Veranstaltungen, Publikationen und Werbung nicht freiwillig transparent. Deshalb konnte stimmtdas.org auch nicht verifizieren, ob die Linke tatsächlich „noch nie einen müden Euro von Konzernen oder Lobbyisten angenommen hat.“
Wie relevant das Sponsoring für die Parteienfinanzierung ist, zeigt unter anderem BMW. Der bayerische Autohersteller stellte seine Spendenpraxis laut LobbyControl 2013 auf das Sponsoring um. Auch die in den Rechenschaftsberichten aufgeführten Millionenbeträge sind aufschlussreich. Erneut hilft ein Vergleich der Linkspartei mit der SPD bei der Einordnung: Verbuchte die Linke von 2009 bis 2015 unter dem Posten, der Sponsoring-Einnahmen enthält, 1.662.990 Euro (durchschnittlich 237.570 Euro pro Jahr), so waren es bei der SPD im selben Zeitraum 97.663.515 Euro (durchschnittlich 13.951.930 Euro pro Jahr).
Fazit: Die bestehenden Regeln zur Offenlegung von Parteieinnahmen machen es unmöglich, Sahra Wagenknechts Aussage final zu bewerten. Sowohl im Bereich der Parteispenden als auch beim Sponsoring existieren Leerstellen, die die Linke nicht freiwillig schließt. Ob sie tatsächlich „noch nie auch nur einen müden Euro von Konzernen oder Lobbyisten angenommen hat“, ist deshalb – gerade in der Absolutheit der Behauptung – nicht überprüfbar. Die Recherche hat allerdings keine Zahlungen an die Linkspartei zutage gefördert, die das Gegenteil beweisen. Wahr ist, dass die Linke von juristischen Personen wie auch durch Sponsoring um ein Vielfaches geringere Einnahmen verzeichnet als andere Parteien im Bundestag. Sollten sich unter den Geldgebern der Linken „Konzerne oder Lobbyisten“ befinden, dann spendeten diese im namentlich nicht nachvollziehbaren Bereich bis 10.000 Euro.