Alexander Gauland, AfD

» Wenn die Bundesrepublik Deutschland für 2% des Kohlendioxidausstoßes verantwortlich ist, dann frage ich mich, wie eine Energiewende dazu führen kann, dass diese 2% so reduziert werden, dass das irgendeinen Einfluss hat. Das heißt, wir glauben nicht, dass Deutschland einen Einfluss auf das Klima hat. Und wenn Sie diese 2% sich angucken, dann sind davon 0,0016% menschengemacht.«

Diese Aussage von AfD-Poli­ti­ker Alex­an­der Gauland stimmt nicht. Ein Anteil Deutsch­lands von zwei Prozent an den welt­wei­ten CO2-Emis­sio­nen stimmt zwar bezüg­lich des menschen­ge­mach­ten CO2-Aussto­ßes. Jedoch redet Gauland eindeu­tig über alle CO2-Vorkom­men, also die natür­li­chen und die menschen­ge­mach­ten zusam­men. Diese Behaup­tung sowie auch die im Weite­ren von ihm ange­führ­ten 0,0016 Prozent ließen sich in der Recher­che nicht bestä­ti­gen, dem Bundes­um­welt­amt waren sie auch nicht bekannt. Falsch liegt Gauland zudem mit der Annahme, ein gerin­ger Prozent­satz an menschen­ge­mach­ten CO2-Emis­sio­nen mache sie irrele­vant: In der Klima­for­schung ist das Gegen­teil weit­ge­hen­der Konsens.

In ihrem Regie­rungs­pro­gramm bezwei­felt die AfD, dass der Klima­wan­del menschen­ge­macht ist. Am 13. Septem­ber erklärte der da noch im Wahl­kampf befind­li­che Spit­zen­kan­di­dat der Alter­na­tive für Deutsch­land (AfD), Alex­an­der Gauland, die Ansicht seiner Partei im ZDF Morgen­ma­ga­zin (ab 02:50) so: Er habe kürz­lich einen Arti­kel in der Welt am Sonn­tag (WAMS) vom Sozi­al­de­mo­kra­ten und Ener­gie­ma­na­ger Fritz Vahren­holt gele­sen, in dem inter­es­sante Zahlen nach­zu­le­sen gewe­sen seien: „Wenn die Bundes­re­pu­blik Deutsch­land für zwei Prozent des Kohlen­di­oxid­aus­sto­ßes verant­wort­lich ist, dann frage ich mich, wie eine Ener­gie­wende dazu führen kann, dass diese zwei Prozent so redu­ziert werden, dass das irgend­ei­nen Einfluss hat. Das heißt, wir glau­ben nicht, dass Deutsch­land einen Einfluss auf das Klima hat. Und wenn Sie diese zwei Prozent sich angu­cken, dann sind davon 0,0016 Prozent menschen­ge­macht.“ Das könne man gerne auch fakten­che­cken, so Gauland, mitt­ler­weile Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der, weiter. Genau das haben wir gemacht.

Auf der Suche nach der von Gauland selbst genann­ten Quelle sind wir nicht sofort fündig gewor­den, da wir auf Anfrage keine Antwort Gaulands erhiel­ten und ein aktu­el­ler „Welt am Sonntag“-Artikel Vahren­holts sich zwar auftrei­ben lässt, dieser jedoch nicht die von Gauland zitier­ten Zahlen enthält. Dass Vahren­holt derar­tige Zahlen geäu­ßert haben könnte, liegt aber nicht fern: Mit ihm zitiert Gauland einen bekann­ten und umstrit­te­nen Klima­skep­ti­ker. Aufse­hen erregte unter ande­rem seine Co-Autor­schaft für das Buch „Die kalte Sonne“ im Jahr 2012. Kern­these ist, dass die Erder­wär­mung zum Still­stand gekom­men ist und sie über­dies nicht vorran­gig durch CO2-Emis­sio­nen verur­sacht wird, sondern Teil eines natür­li­chen Zyklus ist, der vor allem von der Sonne geprägt wird. In der Fach­welt wurde „Die kalte Sonne“ über­wie­gend nega­tiv aufge­nom­men.

Gaulands Zahlen fanden wir letzt­end­lich in einem von Daniel Wetzel verfass­ten Arti­kel aus demsel­ben WAMS-Sonder­druck vom 23. Juli. Bei dessen Lesen wird klar: Gauland hat sich nicht nur beim Namen seiner Quelle vertan, sondern auch die Zahlen falsch wieder­ge­ge­ben. Gaulands Aussa­gen bestehen aus drei Teilen, die wir nach­ein­an­der prüfen.

Wie groß ist der deut­sche Anteil am welt­wei­ten CO2-Ausstoß?

Gauland behaup­tet, Deutsch­land sei nur für zwei Prozent des welt­wei­ten CO2-Aussto­ßes verant­wort­lich. Ein Spre­cher des Umwelt­bun­des­am­tes konnte diese Zahl gegen­über stimmtdas.org nur bedingt bestä­ti­gen: Deutsch­lands Zwei-Prozent-Anteil stimme zwar unge­fähr mit Blick auf menschen­ge­machte CO2-Emis­sio­nen: Welt­weit würden pro Jahr mitt­ler­weile etwa 36.241 Millio­nen Tonnen CO2 durch Ener­gie­wirt­schaft, Verkehr und weitere mensch­li­che Akti­vi­tä­ten ausge­sto­ßen, davon 776 Millio­nen Tonnen in Deutsch­land. Das entspricht 2,14 Prozent. Doch Gauland sprach im ZDF Morgen­ma­ga­zin ausdrück­lich von den gesam­ten, also natür­li­chen und menschen­ge­mach­ten CO2-Emis­sio­nen zusam­men. Solche Zahlen sind dem Bundes­um­welt­amt nicht bekannt. Zitiert Gauland tatsäch­lich anstelle von Vahren­holt Wetzel, hat er dessen Zahl falsch wieder­ge­ge­ben. Letz­te­rer schreibt ledig­lich, Deutsch­land sei für 2 Prozent der CO2-Emis­sio­nen verant­wort­lich, ohne darauf hinzu­wei­sen, er meine natür­li­che und menschen­ge­machte zusam­men­ge­nom­men.

Wie groß ist der menschen­ge­machte Anteil am deut­schen CO2-Ausstoß?

Dem Umwelt­bun­des­amt liegen auch keine Daten zum zwei­ten Teil von Gaulands Aussage vor, nach dem 0,0016 Prozent des deut­schen Anteils am welt­wei­ten CO2-Ausstoß menschen­ge­macht seien.

Für das globale Verhält­nis zwischen natür­li­chem und anthro­po­ge­nem CO2-Ausstoß gehen Forscher dem Umwelt­bun­des­amt zufolge jeden­falls von ande­ren Verhält­nis­sen aus: „Etwa 97 Prozent der CO2-Emis­sio­nen sind natür­li­chen Ursprungs und Bestand­teil des globa­len natür­li­chen Kohlen­stoff­kreis­laufs. Gaulands Aussage, dass der menschen­ge­machte Anteil an den deut­schen CO2-Emis­sio­nen nur 0,0016 Prozent betra­gen soll, entbehre in diesem Zusam­men­hang jeder Grund­lage.

Auch an dieser Stelle hat Gauland seinen mutmaß­li­chen Zitat­ge­ber wohl falsch verstan­den: Wetzel spricht davon, dass das menschen­ge­machte CO2 welt­weit einen Volu­men­an­teil von 0,0016 Prozent in der Atmo­sphäre hat – dies ist etwas ande­res als zu sagen, der deut­sche, menschen­ge­machte Anteil am welt­wei­ten natür­li­chen und menschen­ge­mach­ten CO2 entspre­che 0,0016 Prozent.

Hat Deutsch­land einen Einfluss auf das Welt­klima?

Ebenso wie Gaulands Zahlen stimmt auch seine Schluss­fol­ge­rung nicht, der Klima­wan­del sei nicht beein­fluss­bar. Mehre­ren Umfra­gen und Auswer­tun­gen von Fach­ar­ti­keln zufolge sind ca. 97 Prozent aller Klima­for­scher sicher, dass mensch­li­che Akti­vi­tä­ten den Klima­wan­del beein­flus­sen.

Unei­nig sind sie sich zwar bei der Frage, wie hoch der Anteil des Menschen genau ist. Denn das Klima ändert sich schon, seit es die Erde gibt: Dass Kalt- und Warm­zei­ten sich abwech­seln, ist durch­aus ein natür­li­cher Prozess. Auch an den klima­ti­schen Verän­de­run­gen seit der Indus­tria­li­sie­rung hat die Natur ihren Anteil, also am welt­wei­ten Tempe­ra­tur­an­stieg, der Erwär­mung der Ozeane und der Zunahme von Treib­haus­ga­sen in der Atmo­sphäre.

Doch der Klima­wan­del der letz­ten 50 bis 150 Jahre läuft schnel­ler ab als je zuvor. Das Inter­go­vernmen­tal Panel on Climate Change (IPCC), auch als Welt­kli­ma­rat bekannt, hält es in seinem letz­ten Bericht von 2013 für „äußerst wahr­schein­lich“, dass dafür der Mensch die Haupt­ur­sa­che ist. Seit 1750 sei die Konzen­tra­tion von CO2 um 40 Prozent, die von Methan um 150 Prozent gestie­gen. Die vermehrte Frei­set­zung dieser und weite­rer Treib­haus­gase durch den Menschen habe dazu geführt, dass die Gase in der Atmo­sphäre so konzen­triert seien wie seit 800.000 Jahren nicht mehr.

Auch das Umwelt­bun­des­amt hält fest: „Unter­schied­li­che Simu­la­ti­ons­rech­nun­gen erge­ben über­ein­stim­mend, dass der größte Teil der globa­len Erwär­mung seit Mitte des 20. Jahr­hun­derts sehr wahr­schein­lich durch den beob­ach­te­ten Anstieg der anthro­po­ge­nen Treib­haus­gas­kon­zen­tra­tio­nen verur­sacht wurde.“

Zwar kommt tatsäch­lich ein viel größe­rer Anteil als das vom Menschen zusätz­lich ausge­sto­ßene CO2 ganz natür­lich auf der Erde vor: Es wird von Vulka­nen frei­ge­setzt, ist im Meer und in der Luft, in Pflan­zen und in Perma­frost­ge­bie­ten enthal­ten. Aber die Natur ist in der Lage, „ihr eige­nes“ CO2 in einem natür­li­chen Kreis­lauf wieder zu absor­bie­ren.

Die zusätz­li­chen Emis­sio­nen durch den Menschen dage­gen können nicht mehr voll­stän­dig absor­biert werden, sie sind „zu viel“ und landen in der Erdat­mo­sphäre. Zusam­men mit ande­ren Treib­haus­ga­sen verrin­gern sie dort den Anteil der in den Welt­raum abge­ge­be­nen Wärme­strah­lung. Durch zum Beispiel Rodung von Wäldern und das Abschmel­zen von Perma­frost­ge­bie­ten verstärkt sich dieser Prozess noch.

Nun könnte man – so wie Gauland – immer noch argu­men­tie­ren, spezi­ell Deutsch­land mit seinen „ledig­lich“ 2,14 Prozent Anteil an den welt­wei­ten menschen­ge­mach­ten CO2-Emis­sio­nen habe keinen großen Einfluss. Der Spre­cher des Umwelt­bun­des­am­tes kommen­tiert Gaulands Einschät­zung so: „Die Aussage, dass Deutsch­land keinen Einfluss auf das Klima hat, ist aus unse­rer Sicht nicht rich­tig. Sicher­lich ist der abso­lute Anteil Deutsch­lands an den globa­len Emis­sio­nen nicht sehr hoch, wir sind aber immer noch der größte Emit­tent in Europa und aufgrund unse­rer Klima­schutz­po­li­tik hat Deutsch­land einen erheb­li­chen Einfluss, wenn auch indi­rekt, auf das globale Klima.“

Fazit: Alex­an­der Gaulands Aussage stimmt nicht. Seine Behaup­tung, Deutsch­land sei für zwei Prozent des jähr­li­chen globa­len CO2-Aussto­ßes verant­wort­lich und von diesen zwei Prozent seien nur 0,0016 Prozent menschen­ge­macht, konnte nicht bestä­tigt werden. Gauland hat augen­schein­lich Zahlen des mutmaß­li­chen Zitat­ge­bers Daniel Wetzel von der WAMS falsch wieder­ge­ge­ben. Dem Umwelt­bun­des­amt lagen Zahlen in dieser Form nicht vor. Das spricht nicht dafür, dass sie wissen­schaft­li­cher Konsens sind. Gaulands Annahme, dass Deutsch­lands und die mensch­li­chen CO2-Emis­sio­nen insge­samt aufgrund ihres gerin­gen Anteils im Vergleich zum natür­li­chen CO2-Ausstoß keine Rolle spie­len, stimmt eben­falls nicht. Eine über­ra­gende Mehr­heit der Klima­wis­sen­schaft­le­rIn­nen geht davon aus, dass der Mensch die Haupt­ur­sa­che des Tempe­ra­tur­an­stiegs der letz­ten 150 Jahre ist. Das zusätz­lich vom Menschen frei­ge­setzte CO2 kann den Darstel­lun­gen des IPCC, des Bundes­um­welt­am­tes und weite­rer Insti­tu­tio­nen zufolge, anders als natür­li­che Vorkom­men, nicht mehr voll­stän­dig von der Natur absor­biert werden.

Ines Eisele

Autor: Ines Eisele

Ines ist Volontärin bei der Deutschen Welle. Hat im Bachelor Germanistik und Romanistik studiert, im Master dann auf Journalistik umgesattelt. Zeige alle Beiträge von Ines Eisele

Ein Gedanke zu „Hat Deutsch­land keiner­lei Einfluss auf das Welt­klima?“

  1. Zudem muss man beach­ten, dass es irgend­je­mand als erstes machen muss, sonst macht es niemand.

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