Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) behauptete in der Sendung hart aber fair, das Kopftuch sei für die Mehrzahl der muslimischen Frauen in Deutschland ein Symbol der Nicht-Gleichberechtigung der Frau ( ab Min. 58:40). In der öffentlichen Meinung gilt das Kopftuch häufig als Zeichen der weiblichen Unterdrückung, Abschottung oder gar des religiösen Fundamentalismus, dennoch gibt es wenige Untersuchungen darüber, welche Bedeutung es für Musliminnen in Deutschland selbst hat. Darunter sind die Studien Das Kopftuch – Entschleierung eines Symbols? der Konrad-Adenauer-Stiftung, Muslimisches Leben in Deutschland des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und Zur Akzeptanz des muslimischen Kopftuchs des Ministeriums für Integration Baden-Württemberg, die alle zu dem gleichen Ergebnis kommen: Das Kopftuch wird in Deutschland fast ausschließlich aus religiösen Gründen und aus Eigenmotivation getragen. Die Ergebnisse der Umfragen lassen nicht darauf schließen, dass Nicht-Gleichberechtigung und Unterdrückung muslimische Frauen zum Tragen des Kopftuches bewegen. Die Aussage von Joachim Herrmann bewerten wir somit mit stimmt eher nicht.
Es gibt wenige Debatten in Deutschland, die in der Öffentlichkeit so heftig geführt werden wie die um das Kopftuch. Vor allem die Motive des Kopftuchtragens werden diskutiert: Ist es ein Symbol für religiöse Zugehörigkeit oder ein Symbol der Unterdrückung? Ein Teil der nicht-muslimischen Gesellschaft in Deutschland interpretiert das Kopftuch als Symbol der patriarchalischen Unterdrückung der Frau. Was sagen aber die Musliminnen selbst dazu? Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ist der Meinung, dass die Mehrzahl der muslimischen Frauen in Deutschland im Kopftuch ein Symbol der Nicht-Gleichberechtigung der Frau sieht. Es ist allerdings nicht klar, auf welche Studien oder Umfragen er sich dabei bezieht – eine Anfrage von stimmtdas.org blieb bis zur Veröffentlichung dieses Textes unbeantwortet.
Bisher gibt es nur wenige Studien, die die Motive des Kopftuchtragens in Deutschland erforschen – ein Zeichen dafür, dass das Thema zwar breit diskutiert wird, der Kenntnisstand darüber allerdings gering ist. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (2006) wird das Kopftuch hauptsächlich aus religiösen Gründen getragen. „Die weit verbreitete Annahme, das Kopftuch werde vor allem auf Druck männlicher Familienmitglieder getragen, kann hier nicht bestätigt werden. Dagegen wird der Mutter ein etwas größerer Einfluss zugeschrieben“, erklären die Autoren der Studien. Die Analyse Muslimisches Leben in Deutschland (2008) des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: als wichtigster Grund mit zirka 90 Prozent wird angegeben, das Kopftuch aus religiösen Beweggründen zu tragen. Der am zweithäufigsten genannte Grund ist „Das Kopftuch vermittelt mir Sicherheit“ und wurde von 43 Prozent der Frauen angegeben. Gut ein Drittel der Musliminnen, die das Kopftuch tragen, tun dies, um als Muslimin erkennbar zu sein.
Die oben genannten Studien kommen zu dem Schluss, dass Musliminnen das Kopftuch aus Eigenmotivation tragen. So schreiben die Experten der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Nach diesen Ergebnissen stellt sich die Entscheidung für das Kopftuch als persönliche Entscheidung dar, die in relativ geringem Ausmaß durch externe Personen beeinflusst wird“. Die Autoren der Studie Muslimisches Leben in Deutschland geben an: „Zwang oder Erwartungen von anderen spielen eine geringere Rolle. Die drei abgefragten Gründe Erwartungen/Forderungen von Seiten des Partners, von Seiten der Familie oder der Umwelt werden jeweils von 6 bis 7 Prozent der Frauen geäußert“. Auch eine Studie des Ministeriums für Integration Baden-Württemberg hebt hervor, dass bei der Entscheidung über das Tragen eines Kopftuchs „nachweislich Unterschiede zwischen den Angaben der Kopftuchträgerinnen, die von einer souveränen Entscheidung sprechen, und der Bevölkerung, die Familie und Freunde als starken Einflussfaktor ausmachen“, bestehen.
Die Experten der Konrad-Adenauer-Stiftung schlussfolgern außerdem, dass „es der Komplexität des Themas keinesfalls gerecht wird, das Kopftuch vereinfachend als ein Symbol für die Unterdrückung der Frau aufzufassen. Offenbar entscheiden sich auch in Deutschland viele muslimische Frauen aus unterschiedlichen Gründen freiwillig für das Kopftuch“. Obwohl man hier argumentieren könnte, dass das Gefühl der Unterdrückung sich nur schwer über Umfragen ermitteln lässt, gibt es in den bisher verfügbaren Analysen keinen Hinweis auf empfundene Nicht-Gleichberechtigung. Allerdings ist anzumerken, dass für die oben genannten Analysen vor allem Kopftuchträgerinnen über das Thema befragt wurden: eine repräsentative Umfrage unter Musliminnen in Deutschland — sowohl Kopftuchträgerinnen als auch Nicht-Kopftuchträgerinnen – scheint noch zu fehlen.
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Fazit: Die Aussagen der Teilnehmerinnen der drei oben genannten Umfragen waren sehr eindeutig: Das Kopftuch wird von ihnen aus religiösen Gründen und aus Eigenmotivation getragen. Die Erwartungen oder Forderungen von Seiten des Partners, der Familie oder der Umwelt spielen hingegen – so die befragten Musliminnen – eher eine marginale Rolle. Die Behauptung, dass die Mehrzahl der muslimischen Frauen in Deutschland im Kopftuch ein Symbol der Nicht-Gleichberechtigung der Frau sieht, lässt sich anhand der bisher verfügbaren Studien nicht bestätigen. Obwohl eine umfassende, repräsentative Befragung über das Kopftuchtragen unter Musliminnen in Deutschland noch fehlt, deuten die bisher verfügbaren Analysen darauf hin, dass das Zitat von Joachim Herrmann eher der Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung, und nicht der deutscher Musliminnen entspricht. Seine Aussage bewerten wir mit stimmt eher nicht.